Brief von Pater Bahjat – 08.02.23

Brief von Pater Bahjat - 08.02.23

 

Am Anfang des Jahres 2023 werden dem Leben der Einwohner von Aleppo erneut Kapitel von Schmerz und Angst hinzugefügt.

Am 6. Februar um 4 Uhr 17 wurde unsere Stadt von einem starken Erdbeben der Stärke 7,9 auf der Richter-Skala erfasst, das die Menschen im Regen, in der Kälte und in der Dunkelheit auf die Straßen laufen ließ, Eltern mit ihren Kindern. Erschwert wurde dies durch das Fehlen von Strom und Beleuchtung. Manche von denen, die in Panik aus den Häusern gelaufen sind, hatten es nicht einmal geschafft, sich die Schuhe anzuziehen. Daraufhin haben wir – ebenso wie viele andere Kirchen - in unserer Kirche bekanntgegeben, die Menschen aufzunehmen und ihnen Schutz vor Regen und Kälte zu bieten. Danach kamen weitere schlechte Nachrichten von Wohngebäuden, die vor den Augen ihrer Bewohner eingestürzt waren. Hierbei war auch ein griechisch-katholischer Priester verunglückt, der unter dem Schutt verschüttet worden war und gestorben ist. Man spricht hier von ca. 50 eingestürzten Gebäuden, ca. 600 Toten, mehr als 1.500 Verletzten und zahllosen Vermissten. All diese Zahlen werde natürlich noch steigen.

Unsere Kirche blieb nicht von Schäden verschont. Von den zwei Türmen sind große Teile auf die Straße und den Innenhof herabgestürzt. Wir stehen auch vor der Gefahr, dass die der Kirche gegenüberliegenden Gebäude aufgrund der Brüche einstürzen könnten. Dies lässt für die Zukunft große Gefahren erahnen. Die Räume der Pfarrei sind derzeit mit Hunderten von Personen gefüllt. Wir haben in der Stadt drei Franziskaner-Konvente, und alle drei nehmen im Rahmen ihrer Möglichkeiten evakuierte Menschen auf.

In unserem Pfarrkonvent in der Innenstadt haben wir ca. 500 Personen aufgenommen. In unserem Kolleg Terra Santa am Stadtrand, wo es auch Freiflächen gibt, sind es ca. 2000 Personen, und in unserer Nebenkirche ca. 50 Personen. Dreimal pro Tag bereiten wir eine Mahlzeit zu. Niemand will nach Hause zurückkehren, da man weitere und stärkere Beben befürchtet und die gefährliche Lage in vielen Wohngebieten kennt. Die Temperaturen fallen währenddessen auf unter Null Grad. Wir sorgen daher auch dafür, dass die Kinder einen warmen Ort haben. All die Mahlzeiten, die wir anbieten, werden von unserer Armenküche des Projekts „Fünf Brote und zwei Fische“ zubereitet. Unser größtes Problem ist hierbei - aufgrund der gegen Syrien verhängten Sanktionen - die Schwierigkeit, ausreichende Zulieferungen für die Mahlzeiten zu bekommen. Während wir den Strom an Hilfen für unsere ebenfalls betroffene Nachbarin Türkei sehen, müssen wir feststellen, dass für Syrien eine Hilfe und Unterstützung nahezu verhindert wird.

Um der Krise zu begegnen, ist der Apostolische Nuntius, Kardinal Mario Zenari, nach Aleppo gekommen und hat einen Krisenrat der Bischöfe einberufen, um die besten Möglichkeiten zu finden, wie den Menschen geholfen werden kann.

Aleppo ist eine schwer geprüfte Stadt. Andererseits ist die Menge an Liebe und Solidarität, die wir empfangen haben, ausreichend, um die ersten Schwierigkeiten zu überwinden und die Herzen zu trösten. Dies ist ein Zeichen der Liebe und Fürsorge Gottes.

Wir danken euch allen. Beten wir gemeinsam für all die leidenden Familien, die Angehörige oder ihr Haus verloren haben, dass der Herr ihre Herzen mit Geduld und Trost füllen möge!

 

Brief von Pater Bahjat OFM, dem Pfarrer der röm.-katholischen Pfarrei St. Franziskus in Aleppo

 

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