GRIECHENLAND – Bericht aus Lesbos

Bericht aus Lesbos

Am 26. Januar um 10:20 h startete mein Flug über Thessaloniki nach Mytilini, Lesbos. Wegen einer Flugverspätung kam ich erst um 18:30 Uhr bei strömendem Regen an.
Aufgrund des anhaltend schlechten Wetters konnten wir in den ersten 15 Tagen nicht viel tun. Natürlich waren wir jeden Tag unterwegs ins Lager um das Essen zu bringen allerdings nur mit kurzem Aufenthalt im Camp, da es einfach zu stark geregnet hat.
Ab dem 13. Februar war ich dann auch täglich länger im Camp. Ich habe jede einzelne Unterkunft besucht und mit den Menschen gesprochen. Ich wollte, wie bei jedem Aufenthalt, feststellen wer Hilfe braucht, krank ist oder sonstige Probleme hat.

Lage im  Camp Kara-Tepe

Mitte Februar waren ca. 1350 Asylsuchende von insgesamt 34 Ländern im Lager registriert. Dabei waren auch Asylsuchende aus „sicheren“ Herkunftsstaaten (z.B. Türkei, Marokko, Ägypten, Tunesien), die aller Voraussicht nach wieder zurückgeführt werden. Der größte Anteil von Asylsuchenden kam aus Afghanistan (ca. 350), Yemen (ca. 300), Sudan (ca. 250), Eritrea (ca. 120), Südsudan (ca. 120), Palästina (ca. 50) und Kamerun (ca. 20).

Vielfach trauen sich Geflüchtete nicht die Campleitung zu informieren und um Hilfe zu bitten. Sie haben Bedenken – mache sogar Angst – dass sie dadurch evtl. Schwierigkeiten bekommen könnten. Dies ist jedoch völlig unbegründet. Bei meinen Besuchen ermuntere ich die Menschen deshalb immer wieder sich bei Bedarf bei den entsprechenden Stellen im Lager zu melden oder begleite sie dorthin.
Auch diesmal habe ich bei meinen Besuchen viele Geflüchtete erfasst, die krank waren und das Essen vom Catering im Camp nicht oder nur sehr begrenzt vertragen. Es waren insgesamt 60 Personen (Gastritis, Cholesterin, Diabetiker, Schwangere, etc.) die ich in die Liste für das gesunde Essen von Home for All aufgenommen habe.
Darüber hinaus wurde
- Kleidung und ein Schlafsack für schwangere Frau im Camp besorgt die um Hilfe gebeten hat, weil sie sehr friert und keine Hilfe hat.
- Medikamente für Ekzeme für eine Mutter im Lager gekauft
- Medikamente für einen Mann mit schwerer Neurodermitis gekauft
- Reparaturen für Zelte veranlasst
- Babynahrung für eine arme Mutter mit krankem Kind besorgt
Bei vielen Gesprächen mit Geflüchteten im Lager hat sich wieder bestätigt, wie wichtig es ist den Menschen Zeit zu schenken und ihnen auch damit Würde und Ansehen zu geben.

Dawit aus Eritrea

Im Lager habe ich auch wieder Dawit den Familienvater getroffen, den ich bereits im Oktober 2025 im Camp besucht habe. Vor ca. 10 Tagen haben er, seine Frau und seinen älteren Sohn (5 Jahre) die Dokumente (Personalausweis und Pass) nach dem erfolgreichen Asylbescheid erhalten. Die Dokumente für den jüngeren Sohn (3 Jahre) erwarten sie innerhalb der nächsten Tage.
Nach Erhalt der Dokumente erhalten die Geflüchteten keinerlei Nahrung mehr im Lager, nur noch Trinkwasser in Flaschen. Finanzielle Unterstützung erhalten die Asylbewerber schon seit langem nicht mehr. Auch müssen sie dann innerhalb von 10 Tagen nach Erhalt der Dokumente das Lager verlassen. Sie stehen dann mehr oder wenige mittellos und ohne Wohnung auf der Straße.

Dawit kam mit seiner Familie im Sommer letzten Jahres aus Eritrea nach Lesbos um zuhause den Repressalien der Regierung zu entgehen. Sein Vater wurde getötet, weil er für mehr Demokratie und Menschenrechte in Eritrea auf die Straße ging.
Er hat mir darauf hin ausführlich - mit unterdrückten Tränen - seine persönlichen Probleme erzählt - nach einem Trauma in Eritrea Deportation nach Äthiopien - dort epileptische Anfälle aufgrund starker Zukunftsangst - nach Heilung der Epilepsie Verlust des Gehörsinns (rechtes Ohr 80 %, linkes Ohr 40 %). Er kann fast nichts mehr hören und sich deshalb auch nur schwer verständigen - und wie soll er so irgendwo Arbeit finden.
Ich habe ihm angeboten ihn zu HNO zu bringen und ihm ein Hörgerät zu finanzieren. Das haben wir diese Woche getan. Darüber hinaus habe ich ihm angeboten bei Home for All auf der Farm "Home Village" zu arbeiten und einen fairen Lohn zu bekommen. Auch bei der Wohnungssuche werden wir die Familie unterstützen. Ggf. würde ich auch zwei Monatsmieten übernehmen bis er seinen ersten Lohn bekommt und dann die Miete selber bezahlen kann. Mit großer Freude hat er das Angebot angenommen.
Eigentlich hätte alles so klappt wie wir geplant haben und für die Familie wäre das der Anfang eines neuen und selbstbestimmten Lebens gewesen.
Leider wurde nun festgestellt, dass der jüngere Sohn einen Herzfehler hat und dringend zur Untersuchung zu einem Spezialisten nach Athen muss. Die Familie wird nun nach Athen reisen um bei ihrem Kind zu sein. Sie werden dort versuchen Arbeit und Wohnung zu finden. Soweit es mir möglich ist werde ich versuchen der Familie weiter zu helfen.

Das sind nur ein paar Beispiele was mit dem uns anvertrautem Geld gemacht wird.

Home Village

In der Küche von Home for All arbeiten seit vier Monaten zwei Geflüchtete, einer aus Sierra Leone und einer aus Sudan. Beide haben ihre Kochleidenschaft entdeckt und leisten wirklich hervorragende Arbeit. Das Essen, das sie zubereiten, ist sehr gut und sie haben viel Freude bei ihrer Arbeit. Die Küche ist in besten Händen.
Auf Grund des klang anhaltenden und außergewöhnlich starken Regens war unsere ganze Farm unter Wasser. Es war nahezu unmöglich das Land zu betreten geschweige denn dort zu arbeiten. Das restliche Gemüse (Kraut, Brokkoli, Lauchzwiebeln, Blumenkohl) konnte noch gerettet werden, da es sich auf einem etwas trockenerem Teil der Farm befand.
Ab März wird die Frühjahrsbepflanzung auf der Farm erfolgen. Das Wetter hatte sich Ende Februar beruhigt und der Boden trocknete rasch ab.
In den Olivenhainen in den Bergen hat am 20. Februar der Rückschnitt der Olivenbäume begonnen. Wir erwarten – aufgrund des Regens – in diesem Jahr eine sehr gute Olivenernte.

Mein nächster Aufenthalt auf Lesbos ist Mitte Mai geplant, jedoch nur ca. 1 Woche. Im Oktober werde ich wieder für mehrere Wochen auf Lesbos sein.

08. März 2026

Günther Jäger

 

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