Brief zur Fastenzeit von Pater Ibrahim

Brief an unsere Freunde

Fastenzeit 2020

 

Am Sonntag dem 16. Februar 2020 konnte die reguläre syrische Armee - nach mehr als einem Monat intensiver Gefechte - die Stadt Aleppo befreien und als sicher deklarieren. Dies bedeutet, dass die Raketenangriffe aus Idlib, die seit Beginn des syrischen Konflikts angedauert hatten, von nun an keine Zivilisten in Aleppo mehr treffen. Zudem bedeutet es, dass die Autobahn, die Damaskus und Aleppo miteinander verbindet, nun für die Reisenden wieder sicher ist. Trotz all der Freude über das Geschehene bleibt hinsichtlich der Menschen in Aleppo noch viel Bitterkeit im Herzen: Aleppo zählt zahlreiche zivile Opfer, und allein im Monat Januar waren mehr als siebzehn Todesopfer und mehr als hundert Verletzte zu beklagen.

In Idlib, das zum syrischen Staatsgebiet gehört, gibt es viele Todesopfer und Hunderttausende von Flüchtlingen, die entweder zur Grenze oder zu den Lagern der regulären Regierungstruppen fliehen. Aus den Dörfern im Norden von Idlib, wo noch 700 Christen leben und von unseren beiden franziskanischen Mitbrüdern betreut werden, erreichen uns Nachrichten über die zahlreichen Flüchtlinge, die sich in diese Orte geflüchtet haben.

Man fragt sich: „War es das jetzt für Aleppo?“. Mit Sicherheit nicht. Es liegt noch ein langer Weg vor uns. Aleppo ist nun von den Raketen befreit, die Tag und Nacht auf zivile Ziele in verschiedenen Teilen der Stadt herabgingen. Die Krise aber ist noch längst nicht vorbei. Die Autobahn nach Damaskus ist nun wieder geöffnet, doch die Autobahn nach Latakia bleibt weiter geschlossen. Der „internationale“ Flughafen ist zwar wieder geöffnet, aber das Embargo und die Blockade seitens der westlichen Staaten dauern an.

Den Experten zufolge wird Aleppo „in großen wirtschaftlichen Schwierigkeiten“ bleiben, solange die Krise im Libanon nicht gelöst wird und solange der Kampf gegen die Inflation und die Korruption, die beide Folgen des Krieges sind, keinen Erfolg hat. Aleppo bleibt bis heute eine zu 70% zerstörte und wirtschaftlich gelähmte Stadt. Die Menschen von Aleppo, die Opfer dieses „internationalen Partialkrieges“ sind, leiden weiter unter Hunger (aufgrund der Inflation und der resultierenden hohen Lebenshaltungskosten sowie der Arbeitslosigkeit), unter Kälte (aufgrund des Stromausfalls an vielen Stunden des Tages und aufgrund des Mangels an Gas und Öl) und unter zahlreichen Krankheiten (aufgrund der Zerstörungen durch die Raketen). Zu all dem kommt noch, dass es keine Krankenhäuser und keine medizinische Grundversorgung mehr gibt: all das aufgrund des Krieges!

Wir als christliche Gemeinde, integraler Bestandteil des sozialen Netzes unseres syrischen Volkes, gehen weiter unseren Weg, der nur ein Weg der Hoffnung, ein Weg in der Nachfolge des auferstandenen Christus sein kann.

Ich rufe meinen Gemeindemitgliedern immer wieder in Erinnerung, dass der Weg der ersten christlichen Gemeinschaften nicht frei war von Leid, das gerade im Nahen Osten von Verfolgung, Kriegen und Hungersnöten verursacht war. Dies hat jedoch die „Flamme des Glaubens“, die in den Herzen weniger Menschen brannte, die an den auferstandenen Christus glaubten, nicht davon abhalten können, die ganze Welt zu erwärmen. Die damaligen Christen hatten viele Leiden zu tragen, die für die Menschen der Zeit wahre und eigentliche Sorgen darstellen konnten. Die einzig wahre Sorge jedoch war diejenige, diese Flamme weiterzutragen und sie gegen alles zu verteidigen, was sie hätte auslöschen können, damit sie letztlich die ganze Welt erreichen konnte.

Unsere vorrangige Sorge, trotz all der Mängel verschiedenster Art und trotz menschenunwürdiger Lebensbedingungen, ist diejenige, den Glauben, die Hoffnung und die Liebe bewahren zu können, indem wir den Auferstandenen bezeugen – als wahre Jünger, die das Kreuz auf ihre Schultern nehmen und jeden Tag ihrem Meister folgen.

Auf diesem neunjährigen Weg der Entbehrungen, des Terrors und der Leiden war und ist unsere  einzige Sorge diejenige, die Erkenntnis unseres gekreuzigten und auferstandenen Herrn Jesus Christus zu vertiefen, sein Verständnis zu vertiefen, um so ein immer authentischeres christliches Leben zu führen. Um alles andere wird Er sich kümmern.

Mit diesen Gedanken wollen wir Christen von Aleppo, die wir nun schon seit neun Jahren ununterbrochen unsere Fastenzeit verbringen, auch diese beginnende Fastenzeit begehen. In der Hoffnung, dass am Ende dieser Fastenzeit unser ganzes Land und die ganze Welt in eine Ära des Friedens und der Brüderlichkeit eintreten möge.

Gestern kam eine Dame aus der Pfarrei zu mir, um der Gemeinde für die Unterstützung ihres bedürftigen Sohnes zu danken. Sie sagte mir, dass sie Tag und Nacht ununterbrochen die Hände zum Himmel erhebe und den Herrn darum bitte, jede Person zu segnen, die an uns gedacht hat, für uns gebetet hat und uns mit einer auch noch so kleinen Spende geholfen hat.

Unsere Menschen und die ganze Gemeinde sind dankbar und beten für jeden unserer Freunde und Wohltäter. Möge der Herr euch alle segnen und ebenso auch uns, die wir seiner Barmherzigkeit und seines Friedens bedürfen.

Euch allen, liebe Freunde, die ihr an unseren Leiden Anteil nehmt, für uns betet und uns mit allerlei Mitteln helft, wünschen wir einen guten Weg der Fastenzeit. Möge er ein Weg einer wahren geistlichen Erneuerung sein.

  1. Ibrahim

Aleppo, 24. Februar 2020

 

 

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