Brief von Pater Ibrahim, Aleppo September 2020

Ein Brief von P. Ibrahim, Aleppo 14. September 2020

Liebe Freunde,

seit meinem letzten Brief ist eine ganze Weile vergangen. Während ich euch meine besten Wünsche zum Fest der Kreuzerhöhung sende, möchte ich euch hinsichtlich unserer Situation und Mission in Aleppo auf den neuesten Stand bringen.

Der vergangene Zeitraum ist - bis heute - von der Covid-Krise gekennzeichnet. Von fünf Franziskanern, die in Aleppo im Einsatz waren, sind vier krank geworden. Das war für uns desaströs, denn zwei von ihnen sind gestorben und zwei sind – nach einer Phase der Behandlung und Rekonvaleszenz – wieder genesen. Ich war der einzige, der sich nicht angesteckt hat. Dies war ein Geschenk der Vorsehung, denn so konnte ich für die zwei Mitbrüder sorgen und mich um die Pfarrei und die Leute kümmern.

Die hohe Ansteckungsrate (vier von fünf) betraf auch die Akolythen und die Angestellten unserer Pfarrei, die Mitarbeiter des Caritas-Büros in unserer Pfarrei sowie die Angestellten unseres Konvents. Auch die Familien unserer Pfarrei wurden zu einem hohen Anteil von der Krankheit und somit von Leid und Tod heimgesucht.

Liebe Freunde, leider sind wir in sehr viel höherem Maße von diesem Virus gezeichnet worden als andere Länder in Europa und auf der Welt. Dies liegt zum einen an unserer prekären Lage und dem Fehlen einer Krankenhausstruktur, dem Fehlen von Medikamenten, von Ärzten und von Pflegepersonal. Zum anderen fehlen uns kompetente Experten auf diesem Gebiet, die den Menschen durch geeignete Gesetze und Regeln sagen könnten, was sie tun und lassen müssen. Unser Land ist aufgrund des Krieges mit tausenderlei Notmaßnahmen überlastet und kann sich um vieles nicht mehr kümmern. Die von der italienischen Regierung ergriffenen Maßnahmen zum Beispiel hinsichtlich der Benutzung von Büros und der Verhaltensregeln in der Öffentlichkeit, in den Kirchen und an den Arbeitsplätzen haben auch wir als Kirche von Aleppo zu übernehmen versucht.

Um gut die prekäre Situation hinsichtlich der Behandlung und Prävention zu verstehen, reicht es zu erwähnen, dass wir über mehrere Tage hinweg zehn Christen pro Tag beerdigt haben, die an Covid-19 gestorben waren.

Wenn man die allgemeine Situation betrachtet, steigen die Zahlen natürlich für Aleppo mit seinen 2,5 Millionen Einwohnern. Man schätzt, dass in der Zeit, in der wir zehn Verstorbene pro Tag beerdigt haben, 833 Personen in der ganzen Stadt beerdigt worden sind. Diese im Vergleich zu anderen Teilen der Welt recht hohe Zahl gibt euch eine Idee davon, mit welcher Herausforderung wir in der Stadt konfrontiert sind.

Ich persönlich hatte nicht mit dieser letzten Etappe auf unserem syrischen Kreuzweg gerechnet, und ich hätte mir nicht vorstellen können, sie als Pfarrer in der „Trümmerstadt“ Aleppo zu durchleben. Als ich vor sechs Jahren nach Aleppo gegangen bin, war ich vorbereitet auf Raketen, auf Hunger und Durst. Doch niemals hätte ich damit gerechnet, darüber hinaus mit einer Pandemie solchen Ausmaßes konfrontiert zu werden!

Stellt euch vor, was es bedeutet, wenn zu dieser Pandemie noch eine außergewöhnliche Hitze mit 47 Grad kommt, die bis heute andauert. Hinzu kommt, dass an vielen Stunden des Tages das Öl für die Stromgeneratoren fehlt! Nur wenige Menschen hier können nachts sorglos schlafen, und so können sie nicht die nötigen Kräfte regenerieren, um die Last der künftigen Tage zu tragen. Nachts wachen wir auf, weil uns die Hitze in unserem Schweiß zu „kochen“ scheint, und müssen ständig unsere schweißgebadete Kleidung wechseln!

Seit einer Woche gibt es in der Stadt aufgrund der Sanktionen nur wenig Treibstoff. Über die weitgehende Lähmung der Stadt durch die Arbeitslosigkeit und die allgemeine Armut hinaus kommt

es dadurch zu einer vollständigen Lähmung der Stadt. Es ist beeindruckend, am Abend die langen Schlangen von Autos vor den Tankstellen zu sehen, die auf den kommenden Morgen warten in der Hoffnung, den Tank mit der kleinen täglichen Ration an Benzin füllen zu können.

Der Mangel an Treibstoff hat gravierende Auswirkungen auf das primäre Nahrungsmittel: das tägliche Brot. Es gibt leider lange Schlangen von Menschen, Hunderte von Männern und Frauen, die ab den frühen Morgenstunden auf die Brotverteilung warten, um etwas davon kaufen zu können.

Einige unserer Freunde lachten über die Maßnahmen zur Prävention gegen Covid-19, insbesondere über das „social distancing und die Gesichtsmasken“ (Maßnahmen, zu deren strikter Einhaltung wir einladen). Sie sagten mir: „Pater, sehen Sie doch, was jeden Tag vor den Bäckereien passiert! Wir sind in einem völligen Gemenge mit zahlreichen Personen. Lohnt es sich noch, die Gesichtsmasken zu tragen und von social distancing zu sprechen?“.

Darüber hinaus bleibt das tägliche Leben weiter sehr teuer, in unvorstellbarer und „irrealer“ Weise. Die Menschen werden immer ärmer. Es gibt ein großes, bitteres und fortdauerndes Gefälle zwischen den Gehältern (oder allgemein den Einkünften) und den Ausgaben.

Auch die Gesundheitsausgaben werden (in Ermangelung jeglicher Krankenversicherung) immer teurer und belastender. In letzter Zeit haben wir von Personen gehört, die an Covid-19 erkrankt waren und ihr Haus verkaufen mussten, um einige Tage intensivmedizinischer Behandlung in einer Privatklinik bezahlen zu können … Nicht nur die Medikamente, sondern auch die Behandlungstermine, die Blutuntersuchungen (die fast die Hälfte eines Angestelltengehalts kosten) und schließlich der Corona-Test (der so viel wie drei Angestelltengehälter kostet) sind extrem teuer!

Ich habe wiederholt mit verschiedenen Familien telefoniert, die an Covid-19 erkrankte Angehörige hatten, um sie dazu zu „zwingen“, ins Krankenhaus zu gehen, um die nötigen Behandlungen zu erhalten. Viele hatten aufgrund ihrer bescheidenen Mittel die Idee aufgegeben, aufgenommen zu werden, und sind daher dem „Bruder Tod“ entgegengegangen. Nur dank des Eingreifens der Kirche sind sie noch am Leben und kommen langsam wieder zu Kräften.

Zusätzlich zu all dem haben wie neun Jahre Krieg hinter uns, die bei den Menschen ungeheilte Wunden verschiedenster Art hinterlassen haben…

Zu all diesen Kreuzen kommt noch eine riesige Herausforderung hinzu. Für morgen ist in ganz Syrien die Wiedereröffnung der Schulen vorgesehen. Im Hinblick hierauf habe ich mitverfolgt, was man seit einiger Zeit in Italien macht: all die Diskussionen, Vorbereitungen und Ausgaben. Und ich vergleiche das mit unserer Wirklichkeit: man öffnet die Schulen, auch die privaten, in prekären Räumlichkeiten eines Landes im Kriegszustand. Ohne Vorbereitungen, ohne Vorsichtsmaßnahmen, mit einer reduzierten Anzahl von Lehrern. Unser Herz ist voller Sorge um die Generationen von Kindern und Jugendlichen und auch um die Studenten.

Wir verfolgen das alles mit angehaltenem Atem. Beim letzten Treffen der katholischen Kirchenvertreter aus Aleppo haben wir festgelegt, dass die Pfarrzentren geschlossen bleiben. Wir werden diese Entscheidung auf Basis des ersten Monats in den Schulen neu überdenken. Möge der Herr unsere Söhne und Töchter vor allem Bösen bewahren!

Meine Lieben, ich schildere euch unser Kreuz und unsere Sorgen, um euch zu erläutern, in welch „anormalen“ Bedingungen wir unsere Mission leben.

Trotz alledem fahren wir jedoch auf diesem Schlachtfeld mit der geistlichen Begleitung unserer Menschen fort, sowohl mit Einzelnen als auch mit Gruppen. Wir nutzen hierbei die Kommunikationsmittel und verbringen Stunden um Stunden damit, um jeden täglich anzurufen und uns über seine aktuelle Lage zu informieren.

Neben dieser geistlichen Unterstützung steht die materielle Unterstützung, die unter anderem in den folgenden Projekten erfolgt:

Lebensmittelhilfen, Übernahme der Gesundheitsausgaben (während der Covid-Krise ist ein Projekt entstanden, das über die Post eine vollständige Übernahme aller Ausgaben gewährleistet, von den kleinsten bis zu den größten), Unterstützung in Sonderfällen (Personen mit verschiedenen Behinderungen oder Einschränkungen), Windeln für die Kinder und für die Senioren, Kleider für die Kinder, Unterstützung für die Heizkosten während des kommenden Winters, monatlicher Zuschuss zum Schulgeld, Wiederherstellung der beschädigten Häuser, Mikrokredit-Projekte und Unterstützung für die Neuvermählten …

Wir feiern dieses Jahr das Fest der Kreuzerhöhung: wir zählen all die Kreuze auf, die wir hier in Aleppo auf unseren Schultern tragen und die immer schlimmere Wunden auf dem gemarterten Fleisch und in den Herzen eines jeden von uns hinterlassen, wobei wir andererseits weiter auf das schauen, was die Vorsehung unter uns wirkt.

Diese Kreuze bestimmen in objektiver Weise unser Leben, unser Essen, unsere Bewegungen und unseren Schlaf, ja sogar unser Atmen. Doch all diese Kreuze haben keinen Sinn, solange sie nicht freiwillig angenommen werden und ein klares Motiv haben: die Liebe zu Gott und somit auch zu den Mitmenschen.

Wir sind also selig, wenn wir diese Kreuze auf uns nehmen und sie aus Liebe zum Herrn und zu den Mitmenschen hingeben … Es ist sehr schön, wenn das Kreuz nicht allein getragen wird, sondern wenn wir das Kreuz tragen und die Lebensbedingungen unserer Mitmenschen mittragen. So tragen wir unsere Kreuze und unterstützen dabei die anderen um uns herum, wir ermutigen sie, ihr eigenes tägliches Kreuz anzunehmen und zu tragen.

Liebe Freunde,

ich danke euch, dass ihr uns auf diesem Kreuzweg nie allein lasst, so dass wir bei der Hilfe für die anderen all die hierfür nötige Unterstützung finden, sowohl in euren Gebeten als auch in eurer moralischen und materiellen Unterstützung.

Wenn wir so unser Kreuz in einer Weise tragen, die „des Herrn würdig“ ist, der aus Liebe zu uns sein Kreuz getragen hat, und wenn wir wachsen in der Liebe zu den anderen, die in unserem demütigen und steten Dienst  zum Ausdruck kommt, dann wird das Kreuz unser Ruhm, unser Sieg und unser Heil. Das hoffe ich für euch und auch für unsere franziskanische Mission hier in Aleppo.

Ich wünsche euch ein frohes Fest der Kreuzerhöhung 2020

P. Ibrahim Alsabagh ofm

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