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Hintergrundinformationen
In der nachfolgenden Tabelle haben wir daher neuere Daten von UNAIDS und vom Robert-Koch-Institut zusammengestellt:
| Uganda | Deutschland | Bayern | ||
|---|---|---|---|---|
| 2001 | 2009 | 2010 | 2010 | |
| HIV/AIDS-Kranke | 980.000 | 1.200.000 | 70.000 | 9.400 |
| Männer | 440.000 | 57.000 | 7.700 | |
| Frauen | 610.000 | 13.000 | 1.800 | |
| Kinder | 150.000 | 200 | ||
| Durch Mutter-Kind-Übertragung | 430 | 50 | ||
| Prävalenz bei Erwachsenen | 7,00% | 6,50% | ||
| AIDS-Waisen | 1.100.000 | 1.200.000 (44% aller Waisen) |
||
| AR-Therapie | < 5% | 40-50% | 40.000 | 5.100 |
| Neuinfektionen | 100.000 | 120.000 | 3.000 | 350 |
| Männer | 42.000 | 2.700 | 310 | |
| Frauen | 60.000 | 290 | 40 | |
| Durch Mutter-Kind-Übertragung | 18.000 | < 10 | < 5 | |
| PMTCT-Coverage | < 5% | 50,00% | ||
| Gesamtzahl HIV-Infizierte seit Beginn der Epidemie | 91.000 | 12.000 | ||
| Todesfälle | 89.000 | 64.000 | 550 | 60 |
| Todesfälle seit Beginn der Epidemie | > 1.500.000 | 29.000 | 3.900 | |
"Aids-Waisen in Afrika"
(Maria Groos, Internationales Afrikaforum, IAF, Heft 1/2003)
Keine andere Infektionskrankheit hat solch verheerende Auswirkungen auf das Leben von Kindern wie HIV/Aids. Alle 14 Sekunden wird irgendwo auf der Welt ein Kind Waise. Schon jetzt haben 13 Millionen Jungen und Mädchen einen oder beide Elternteile aufgrund von Aids verloren. Drei Millionen Kinder sind selbst HIV-positiv. (1) Doch es geht nicht nur um Zahlen, sondern vor allem um den dahinter verborgenen persönlichen Lebens- und Leidensweg jedes einzelnen Kindes. Dessen urspr üngliche Sehnsucht nach familiärer Geborgenheit, Liebe und einem sinnerfüllten Leben wird durch Erkrankung und Tod der Eltern jäh erschüttert. Hilfsmaßnahmen müssen sowohl materielle als auch seelische Bedürfnisse der Kinder berücksichtigen.
Einige Zahlen
Die Zahl der Aids-Waisen ist in den afrikanischen Ländern sehr unterschiedlich. In Äquatorial-Guinea und auf Madagaskar sind nur zwischen null und ein Prozent aller Waisen Aids-Waisen, aber in Kamerun, der D.R. Kongo und Mosambik sind es rund 30%. In Uganda, Kenia und CÙte d"Ivoire beläuft sich die Rate auf etwa 50%, in Sambia, Botsuana und Simbabwe bei 65 bis 77%. Dabei ist in Sambia und Simbabwe auch der Anteil der Waisen an der Gesamtzahl der Kinder mit jeweils 17,6% am höchsten. Die geringsten Anteile findet man in Gambia und auf Madagaskar mit je 8,8%. In absoluten Zahlen leben die meisten Aids-Waisen mit jeweils rund 1 Mio. in der D.R. Kongo, Äthiopien, Kenia, Nigeria und Uganda. Insgesamt 11 Mio. Aids-Waisen gibt es im Afrika südlich der Sahara. Bis 2010 werden es vermutlich 20 Mio. sein bei einer Gesamtzahl von 42 Mio. Waisen. Für die nordafrikanischen Staaten liegen keine Daten vor. Man kann jedoch aufgrund der dort vergleichsweise geringen Prävalenz von Aids derzeit von niedrigen Zahlen ausgehen.
Wie Kinder die Situation erleben
Sarah Nakabugo aus der ugandischen Hauptstadt Kampala war 12 Jahre alt, als ihr Vater an Aids starb, und besuchte die fünfte Grundschulklasse. Ihre Mutter musste allein für Sarah und ihre fünf jüngeren Geschwister sorgen. Sarah erzählt: "Meine Mutter war völlig hilflos, weil sie keine Arbeit hatte. Wir mussten die Schule verlassen, weil wir die Schulgebühren nicht bezahlen konnten. Wir blieben zu Hause und hatten nichts zu tun. Das war besonders schlimm für mich. Wir bekamen noch mehr Schwierigkeiten, als wir die Miete für unser Haus bezahlen sollten. Der Eigentümer verlangte eine Menge Geld, weil wir die Miete seit dem Tod meines Vaters nicht mehr bezahlt hatten. Zusammen mit einem Gerichtvollzieher wies er uns an, das Haus zu verlassen. In dieser Zeit bekamen wir kaum etwas zu essen, oft mussten wir hungrig zu Bett gehen. Mein einziger Wunsch war aber, wieder zur Schule gehen zu können Wann immer ich Kinder in die Schule gehen sah, wurde ich sehr traurig und wünschte, ich könnte eines von ihnen sein. Über vier Monate führten wir ein fürchterliches Leben."
Um besser zu verstehen, wie Kinder die von der Erkrankung der Eltern geprägte Lebenssituation wahrnehmen, ist es hilfreich, sich einige grundlegende Fakten zu HIV/Aids in Erinnerung zu rufen. In Afrika wird der Human Immunodeficiency Virus (HIV) meist bei heterosexuellen Kontakten übertragen. Alle gesellschaftlichen Schichten sind betroffen. Der Anteil infizierter Frauen (58%) ist gegen über den Männern aufgrund anatomischer Gegebenheiten und gesellschaftlicher Traditionen leicht erhöht. In der Regel sind die Menschen zum Zeitpunkt der Infektion zwischen 15 und 40 Jahre alt. Es ist die Generation der Eltern und Erwerbstäti-gen. Da zunächst keine äußeren Zeichen sichtbar sind und HIV-Tests zu teuer sind, bleibt die Infektion lange Zeit unentdeckt und wird unwissentlich auf andere Sexualpartner übertragen. Nach einigen Jahren kommt es zum Ausbruch von Aids (Acquired Immunodeficiency Syndrome; Erworbenes Immundefekt-Syndrom). Es werden immer mehr Symptome sichtbar, vor allem eine zunehmende Anfälligkeit für Infektionskrankheiten aller Art, wie beispielsweise Tuberkulose. Dem hat das Immunsystem der Kranken nichts entgegen zu setzen. Leistungsabfall und fortschreitende Auszehrung treten ein. Hinzu kommen Durchfall, Erbrechen, Husten mit Auswurf, Hautausschläge, Fieber und vieles mehr, was einen erheblichen Einsatz in der Krankenpflege und Reinhaltung der Wohnräume erfordert. Medikamente zur Bekämpfung des Virus können sich nur wenige leisten. Allenfalls kauft man Arzneimittel zur Bekämpfung der schlimmsten Symptome.
Auswirkungen auf die Kinder
Die Kinder müssen über Jahre hinweg den zunehmenden körperlichen Verfall und das Leiden der Eltern mit ansehen. Schon lange vor deren Tod sind Mio. von Kindern einer unbarmherzigen Lebenssituation mit vielen Entbehrungen und Mühen ausgesetzt. Doch solange sie nicht Waisen sind, werden sie in keiner Statistik erfasst. Zu den ersten Folgen von Aids gehört, dass die Familien mehr Geld für die medizinische Versorgung ausgeben müssen. Nach eine Studie der FAO wird dafür ein Drittel des Familieneinkommens benötigt. (2) Oft schon zu diesem Zeitpunkt, spätestens aber, wenn die Eltern keiner geregelten Arbeit mehr nachgehen können, fehlt dann das Geld für andere lebensnotwendige Dinge und für die Schulgebühren der Kinder. Mädchen häufiger als Jungen helfen dann daheim bei Haus- und Feldarbeit. Reicht das Essen trotzdem nicht, suchen die Kinder auf Müllhalden nach etwas Verwertbarem. Manche Kinder müssen außerdem noch Geld verdienen. Die Gefahr der Ausbeutung ist groß. Die Kinder kümmern sich auch mit um die kranken Eltern. Körperpflege, Kochen, Waschen, Putzen, vielleicht etliche Kilometer laufen, um ein Medikament zu besorgen - die körperlichen und seelischen Kräfte sind bis zum Äußersten gefordert. Wo jüngere Geschwister sind, müssen auch diese ernährt und versorgt werden. Mangels Schulund Berufsausbildung sehen etliche Kinder die Prostitution als einzigen Weg. Täglich sind sie entwürdigenden Situationen ausgesetzt. Wenn die Kinder nicht bereits HIV-positiv sind, so haben sie hier natürlich das größte Risiko, sich anzustecken. Stirbt schließlich ein Elternteil, sind die Kinder mit Trauer und Schmerz oft allein. Niemand hat sie auf diesen Augenblick vorbereitet. Ein Junge, der seine Mutter verloren hat, fragt: "Mit meiner Mama zusammen war ich froh, und jetzt ist sie nicht mehr da. Ich weiß nicht, warum Du mir sagst, dass ich die Medikamente nehmen oder in das Krankenhaus gehen soll. Wofür muss ich leben? Warum muss ich leben? Es ist als hätte ich mich selbst verloren." (3) Verstirbt der Vater, kann die Witwe von dessen Familie enterbt werden. Noch größere Armut entsteht. Auch hier ist für viele die Prostitution der einzige Ausweg.
Verliert ein Kind aus anderen Gründen einen Elternteil, bedeutet dies normalerweise nicht den baldigen Verlust auch des zweiten Elternteils. Bei Aids ist jedoch die Wahrscheinlichkeit hoch, dass das Kind innerhalb kurzer Zeit Vollwaise wird. Im südlichen Afrika ist die Zahl der Vollwaisen von 1990 bis 2001 von 2,8 auf 5,5 Mio. gestiegen, wobei 3,6 Mio. Kinder mindestens einen Elternteil aufgrund von Aids verloren haben. Versterben beide Elternteile, bleiben Kinderfamilien zurück. Sechs oder acht Geschwister, die vielleicht zwischen einem und 12 Jahren alt sind, müssen ganz für sich alleine sorgen. Oft werden sie zu Straßenkindern. Zu den damit verbundenen Entbehrungen und Gefahren kommt hinzu, dass die Kinder in der Regel nicht wissen, ob sie selbst - beispielsweise schon bei der Geburt - mit dem Virus infiziert worden sind, das heißt, ob ihnen nicht schon bald ein ähnliches Leiden wie den Eltern droht. In dieser schwierigen Zeit können die Kinder nicht unbedingt auf Unterstützung durch ihre Umgebung hoffen. Viele Menschen haben Angst oder schä- men sich der Aids-Kranken, und meiden sie deswegen, ja verlassen sogar enge Familienmitglieder. Andernorts lebt jedoch noch die traditionelle Solidarität der afrikanischen Großfamilie. Dort helfen die Großeltern oder Onkel und Tanten. Nach dem Tod der Eltern nehmen sie die Aids-Waisen bei sich auf und sorgen für sie. Werden dabei Geschwisterkinder getrennt, entsteht allerdings ein neues Verlusttrauma.
Häufig muss eine Großmutter, die vielleicht selbst schon gebrechlich oder kränklich ist, für acht Enkel sorgen. Oder ein junges Ehepaar mit fünf eigenen Kindern nimmt noch vier Nichten und Neffen auf. Wo so viele Kinder ernährt werden müssen, fehlt dann das Schulgeld für alle. Wo so viel Zuwendung benötigt wird, sind die Erwachsenen emotional überlastet.
Erneut wird sichtbar, dass auch Nichtwaisen und Kinder gesunder Eltern unmittelbar an den Folgen der Epidemie zu tragen haben. Dies geschieht auch in der Schule. Aufgrund fehlender finanzieller Mittel sinkt die Zahl der Grundschüler drastisch. Damit sinkt nicht nur der Bildungsstand, sondern es entfällt auch ein wesentlicher Ort, an dem Aids-Aufklärung stattfinden kann. Nach Angaben der Weltbank werden 2010 in Simbabwe 24% weniger Kinder die Grundschule besuchen als zur Zeit (in Kenia 14% und in Uganda 12%). Eine Untersuchung in Kenia ergab, dass 52% der Waisenkinder nicht in die Schule gingen, dagegen nur 2% der Nicht-Waisen. Bei einer Erhebung in Uganda gingen zwar drei Viertel der Waisenkinder in die Schule, jedoch hatte mehr als die Hälfte von ihnen den Schulbesuch aus finanziellen Gründen schon einmal unterbrechen müssen. (4) Auch die Sterblichkeit der Lehrer aufgrund von Aids ist erhöht. In Südafrika starben in den Jahren 2000-2001 40% mehr Lehrer als zuvor. Der Verlust an Lehrpersonal kann besonders in ländlichen Gebieten verheerend sein, wo eine Schule oftmals von einer oder zwei Lehrpersonen geführt wird. Nicht zuletzt wird aber die Funktionsfähigkeit und Kompetenz der Bildungseinrichtungen als Teil der wesentlichen Infrastruktur darauf Einfluss nehmen, wie gut eine Gesellschaft mit der Aids-Epidemie fertig wird.
Hilfsmaßnahmen
Die Vielgestaltigkeit der Probleme erfordert ganz unterschiedliche Hilfsansätze auf der persönlichen bis zur internationalen Ebene. Im Folgenden werden am Beispiel der ugandischen Aids-Hilfe "Meeting Point" und ihrer Kooperationspartner einige Aspekte und praktische Erfahrungen beschrieben, die sich in der täglichen Arbeit als wesentlich erwiesen haben. Der "Meeting Point" ist 1990 als Selbsthilfegruppe von Aids-Kranken und einigen Freunden in Norduganda entstanden. Heute ist die Initiative auch in Kampala und zahlreichen anderen Distrikten des Landes tätig.
Worum geht es eigentlich, wenn den Betroffenen geholfen werden soll? Die Verbesserung statistischer Daten allein genügt nicht. In erster Linie muss der Mensch selbst im Mittelpunkt stehen, die Person mit ihrer Sehnsucht nach Würde und Glück. Dort wo Angst, Hoffnungslosigkeit, Verwirrung und Verdächtigungen viele Familien, Stämme und Traditionen zerstört haben, kann es für den Einzelnen schwierig sein, den Wert und die Würde des eigenen Lebens zu erkennen. In Ländern, in denen beispielsweise Kinder traditionell nicht nur zu Vater und Mutter gehörten, sondern einen Reichtum für den ganzen Stamm bedeuteten, hatte der einzelne einen Bestand und eine Würde, weil er wusste, dass er zu jemand anderem gehörte. Jetzt aber ist diese Zugehörigkeit gestört. Männer, Frauen und Kinder sind hilflos, wollen nicht mehr leben und haben keine Erwartungen mehr, denn ihr Leben hat keinen Bezugspunkt mehr. Wenn es aber gelingt, jemandem eine persönliche Stabilität wieder zu geben, in jemandem eine Zuneigung für das eigene Leben wach zu rufen und darin einen Sinn zu erkennen, dann hat er auch die Kraft eine persönliche Verantwortung für sein Leben zu übernehmen.
Ein Beispiel ist die 16-jährige Vicky, von der Rose Busingye, Leiterin des "Meeting Point" aus Kampala, berichtet (5) : "Eines Tages unterrichtete ich in der Schule. Ich hörte, dass jemand weinte und fragte mich, was habe ich denn gesagt, dass diese Person weint? Habe ich einen wunden Punkt getroffen? Als ich zu sprechen aufhörte, nahm mich ein junges Mädchen bei der Hand, führte mich aus der Klasse und sagte mir: "Ich arbeite als Prostituierte, weil meine Eltern gestorben sind und jemand den Unterhalt für meine kleinen Geschwister verdienen musste. Wir hatten nichts zu essen und ich wusste nicht, wo ich meine Geschwister unterbringen sollte." Ich lud sie zu mir nach Hause zum Essen ein.
Nach einer Woche kam sie wieder und brachte ihre Freundinnen - ebenfalls junge Prostituierte - mit. Es waren sieben Mädchen zwischen 15 und 18 Jahren. Ich konnte ihnen nicht gut sagen, dass sie mit dieser Arbeit aufhören sollten, ohne ihnen etwas anderes anbieten zu können. Also habe ich eine Wohnung für die jungen Frauen und ihre kleineren Geschwister gemietet. Die jüngeren haben wir in die Schule, die älteren in die Berufsschule geschickt. Heute ist Vicky mit ihrer Ausbildung fertig und arbeitet mit großer Liebe beim Meeting Point mit. Wenn ich ein Kind am Straßenrand gefunden habe, sagt sie: "Ich nehme es selber mit, ich wasche es und kümmere mich um das Kind." Einmal habe ich gesehen, dass sie selber Kleider für ein Kind genäht hat. Zwei der anderen jungen Frauen sind jetzt für die Leitung der Wohngemeinschaft verantwortlich."
Rose Busingye fasst das Ziel der Hilfe so zusammen: "Wir wollen so leben, dass wir den Menschen nahe sind. Je näher wir ihnen sind, desto mehr verstehen wir, was sie wirklich brauchen. Wir helfen den Menschen, sich der eigenen Menschlichkeit bewusst zu sein, in welchem Zustand er sich auch immer befinden möge. Alle wissenschaftlichen Maßnahmen und Kenntnisse allein können nicht den erwarteten Wandel in den Gewohnheiten und im Verhalten hervorrufen. Wir können uns nicht einfach deswegen ändern, weil wir Angst davor haben, Aids zu bekommen. Angst ist nicht das natürliche Empfinden einer Person. Das erste Gefühl einer menschlichen Person ist ein Sichangezogen- fühlen. Die Angst entsteht erst dann, wenn man das Gefühl hat, dass das, was mich angezogen hat, verloren gehen kann. Vor allem anderen kommt, dass ich der Person anhänge, die ich liebe. Wenn ich dieser Person zugehöre, verschwindet die Angst. Es entsteht eine Suche in mir und äußert sich. Es ist schön, geliebt zu werden, aber ich möchte, dass die Liebe immer dauert, dass die Person, die ich liebe, für immer meine Begleitung ist. Nicht nur um meine Einsamkeit wegzunehmen, um meine Instinkte zu befriedigen. Er oder sie hat einen Wert, den ich nicht für meine eigenen Interessen missbrauchen kann."
Aus diesem menschlichen Ansatzpunkt sind Hilfsmaßnahmen begonnen worden. Es sind nur einige Beispiele und sie erheben nicht den Anspruch, das Problem der Aids-Waisen erschöpfend angehen zu können. Immer bedürfen sie auch eines politischen Umfeldes, in dem nationale und internationale Entscheidungsträger ihre Verantwortung für die Betroffenen wahrnehmen. So wie sich beispielsweise die Teilnehmer der HIV/Aids-Sondersitzung der Generalversammlung der Vereinten Nationen im Juni 2001 in New York dazu verpflichtet haben, Strategien zur "Schaffung einer hilfreichen Umgebung für Waisen sowie Mädchen und Jungen, die HIV/Aids infiziert oder davon betroffen sind, bis 2003 zu entwickeln und bis 2005 zu implementieren. Es soll gesorgt werden für: Beratung und psychosoziale Hilfe; Schuleinschreibung; Zugang zu Wohnmöglichkeiten, guter Ernährung, Gesundheits- und Sozialdiensten; Schutz vor Missbrauch, Gewalt, Ausnutzung, Diskriminierung, Kinderhandel and Erbschaftsverlust." (6) Ohne grundlegende Fortschritte in der wirtschaftlichen Entwicklung, der Armutsbekämpfung und der Verbesserung der allgemeinen Gesundheitsversorgung in den betroffenen Ländern werden Einzelmaßnahmen gegen Aids auf Dauer nicht erfolgreich sein.
Die Strategien gegen die Epidemie umfassen die Prävention von Neuinfektionen (Aufklärung von Jugendlichen und Verhinderung von Mutter-Kind Übertragungen), Pflege und Behandlung der bereits Infizierten und den Schutz derer, die durch HIV/ Aids am verwundbarsten geworden sind, wie (Waisen-) Kinder und Frauen.
Eine vorrangige Aufgabe ist, den Kindern den Schulbesuch zu ermöglichen. Die Schule sorgt nicht nur in Abwesenheit der Eltern für eine angemessene Ausbildung und Erziehung, sondern trägt auch zu einer regelmäßigen Lebensweise, vern ünftiger Ernährung und normaler körperlicher Entwicklung bei. Kann ein Kind nicht in die Schule gehen, ist es den vielfältigen Beeinflussungen auf der Straße und durch die Medien hilflos ausgesetzt. Straßenkinder werden außerdem oftmals durch die Polizei oder durch gleichaltrige Kameraden misshandelt.
Für die Finanzierung des Schulbesuchs benötigen die Großfamilien aber Unterstützung von außen. Sie wird beispielsweise vermittelt von der ugandischen Hilfsorganisation "Meeting Point", die sich seit 1990 in zahlreichen Distrikten des Landes um Waisen, Aids-Kranke und ihre Angehörigen sowie andere Bedürftige kümmert, sowie der internationalen Hilfsorganisation AVSI, die seit mehr als 20 Jahren in Uganda tätig ist. (7)
So profitieren über den "Meeting Point" rund 3.000 Kinder in Uganda von Patenschaften, zu denen europäische Pateneltern beitragen. In erster Linie dienen sie dazu, das Schulgeld zu bezahlen. Was übrig ist, wird der gesamten Familie für Medikamente und Nahrungsmittel zur Verfügung gestellt. Damit dies nicht zu einer Abhängigkeit führt, werden gleichzeitig allgemein- und berufsbildende Kurse für die Erwachsenen angeboten. Um die Situation der Aids-Waisen an den Schulen zu verbessern, erhalten Lehrer im Rahmen eines psychosozialen Hilfsprogramms Schulungen für das Zusammenleben mit ihnen. So wird die ganze Gemeinschaft, in der die Kinder leben, gestärkt. Dies ist besonders in Ländern, in denen immer wieder komplexe Notsituationen auftreten, von grundlegender Bedeutung. Die örtliche Bevölkerung muss immer als verantwortlicher Partner einbezogen werden und nicht als reiner Hilfsempfänger.
In berufsbildenden Schulen für Jugendliche, wie sie beispielsweise von der ugandischen Companionship of Works Association (COWA) gegründet wurden, geht es in den Kursen nicht nur um den Erwerb einer Qualifikation für den Arbeitsmarkt, sondern auch um Aids-Aufklärung. Schließlich können die Jugendlichen durch ihr eigenes Verhalten eine Ansteckung vermeiden und zu einer Eindämmung der Epidemie beitragen. Doch was gibt ihnen die Kraft dazu? Nicht strikte Handlungsanweisungen sollen vermittelt werden, sondern eine Sensibilitä t für den Wert der eigenen Person und den des Freundes oder der Freundin. Dazu gehört eine Wertschätzung der Sexualität und der Treue in der Ehe. Wenn heute die HIV-Infektionsraten in Uganda bereits zurückgehen, dann liegt es nicht zuletzt daran, dass Jugendliche heute erst später sexuelle Beziehungen haben und außereheliche sexuelle Kontakte seltener geworden sind.
Eine Hilfe für die Kinder im Zusammenleben mit den kranken Erwachsenen ist die von freiwilligen Helfern des "Meeting Point" durchgeführte häusliche Pflege. Die Patienten erhalten Nahrungsmittel und Medikamente, aber auch das Bedürfnis nach Beratung, menschlicher Nähe, psychosozialer und geistlicher Hilfe steht im Mittelpunkt. Die mitgebrachten Gegenstände sind ein Mittel, um den Menschen zu sagen, dass sie einen Wert und eine Würde haben, für die sie selbst verantwortlich sind. Die Kinder nehmen sehr genau wahr, welche Bedeutung die Anwesenheit der Helfer hat: "Wenn Du zu mir nach Hause kommst, hört meine Mutter auf zu weinen. Und wenn Du vor dem Sterben meine Hand nimmst, werde ich keine Angst haben.", sagt ein Kind. Etwa 2.000 Personen profitieren zur Zeit von dieser häuslichen Pflege. Etliche Patienten arbeiten, nachdem sie selbst wieder zu Kräften gekommen sind, als Freiwillige bei der Betreuung anderer mit. Damit gesunde Kinder geboren werden, muss die Mutter-Kind-Übertragung eingedämmt werden. Rund 40.000 HIV-positive Kinder kommen jährlich in Uganda zur Welt, obwohl durch gezielte medikamentöse Therapie die Infektion, die während der Geburt geschieht, häufig vermieden werden könnte. (8) Zusammen mit den ugandischen Gesundheitsbehörden und anderen Einrichtungen hat die AVSI ein PMTCT-Programm (Prevention of Mother to Child Transmission) in mehreren Städten begonnen. Neben der Medikation wird den Müttern eine mehrmonatige Begleitung vor und ein 18 Monate dauerndes Follow-up nach der Geburt angeboten. Das nimmt den Schwangeren die Angst vor einem HIV-Test. Auch die Väter werden mit einbezogen. Der positive Wert der Familie und der Möglichkeit, Kinder zu bekommen, wird dabei betont. Die Beratung umfasst auch die Säuglingsernä hrung und die Bereitstellung von Milchpulver, denn Stillen kann ebenfalls ein Übertragungsweg für das HIV-Virus sein. Falls trotz der Arzneimittelgabe das Neugeborene HIV-positiv ist, kann die Mutter auch über die 18 Monate hinaus Hilfe in Anspruch nehmen. Entscheidend ist, dass die Mütter Vertrauen entwickeln. Sie sind bereit, an dem Programm teilzunehmen, wenn sie feststellen, dass ihnen mehr als eine reine Gesundheitsversorgung angeboten wird. Sie nehmen die Unterstützung wahr, die sich auf ihre ganze Person bezieht und auf das Kind, das sie in sich tragen. Rose Busingye beobachtet bei Kindern und Erwachsenen eine Veränderung: "Bevor wir geholfen haben, war es für die Menschen hier so, als hätte man sie aufgegeben, als ob sie nichts wären. Sie fühlten sich verstoßen und haben den Sinn des Lebens verloren. Am Ende haben sie sich selbst wie ein Ding, eine Sache behandelt. Unsere Prä- senz hier, ist nicht nur dazu da, um auf Probleme zu reagieren, sondern auch, um den Betroffenen zu versichern, dass sie eine Bedeutung haben, dass sie etwas Größeres sind. Und jetzt sieht man sie tanzen und lachen, denn sie wissen, dass sie dazugehören."
Anmerkungen
1) Statistische Angaben stammen, sofern nicht anders angegeben, von UNAIDS/Children on the Brink und beziehen sich auf das Jahr 2001. Aus Gründen der sprachlichen Vereinfachung werden im Text Waisen aufgrund von Aids als Aids-Waisen bezeichnet (damit ist nichts darüber ausgesagt, ob die Kinder HIF-positiv sind), Waisen aufgrund aller möglichen Ursachen als Waisen.
2) Luciano Valla, AVSI Kampala, La situazione degli orfani in Uganda, Kampala 2001
3) Rose Busingye, Meeting Point Kampala, The encounter with my Aids Patiens; aus: The Challenge of HIV/Aids:Twenty Years of Struggle, Mailand 2001
4) Suubi (Organ der Uganda Aids Commission), Vol.1, 2002
5) Keeping the Promise, Summary of the Declaration of Commitment in HIV/Aids; UNAids, New York 2001; Paragraph 65
6) AVSI = Associazione Volontari per il Servizio Internazionale, d.h. Verband Freiwilliger für den Internationalen Dienst
7) Ministry of Health, Uganda, Januar 2001
8) Rose Busingye, Vortragsreise in Deutschland, 10. bis 18. Mai 2001
Ich danke Frau Rose Busingye, Meeting Point Kampala, sowie den Herren Dr. Filipo CiantÏa und Luciano Valla von AVSI Kampala für ihre freundliche Unterstützung.






