Osterbrief von Pater Ibrahim

 

 

 

 

Lateinische Pfarrei
St. Franziskus von Assisi
Aleppo – Syrien

21. April 2019

 

Liebe Freunde,

Christus ist auferstanden, er ist wahrhaft auferstanden!

In Aleppo durchleben wir weiter schwierige und kritische Momente. Die wirtschaftliche Krise, die insbesondere durch das Embargo verursacht ist, macht jedem Syrer das Alltagsleben weiter schwer, erst recht in Aleppo. Auf den Straßen der Stadt sieht man lange Autoschlangen, die vor den Tankstellen auf ihre Schicht warten. Manchmal beginnt die Schlange schon abends um sieben, um am nächsten Morgen tanken zu können.

Aufgrund des Ölmangels hat sich unsere Lage stark verschlechtert. Die Autos auf der Straße werden immer weniger. Die Leute gehen mittlerweile zu Fuß von einem Ort zum anderen. Die Preise jeglicher Waren sind enorm hoch, und die Inflation ist weiter angestiegen. In der Nacht hört man weiter die Raketen, die auf den Westteil der Stadt abgeschossen werden.

In der diesjährigen Karwoche wollten wir kraftvoll reagieren und Hoffnung in die Herzen säen. Wir haben die Kirche mit viel Kreativität ausgeschmückt und die Liturgie bis ins kleinste Detail schön gestaltet. All dies hat die Seelen aufgerichtet und alle getröstet, es hat die Bitterkeit und Verzweiflung überwunden.

Unsere Kirche war in diesen Tagen immer überfüllt, insbesondere am Karfreitag. Die Menschen verharrten in Stille im Gebet, und trotz der zahlreichen Sorgen war die Stimmung voller Friede. Mindestens sieben Personen, Kommunionhelfer und Schwestern, haben mit mir die Kommunion ausgeteilt. Das Bußsakrament wurde mit großer Beharrlichkeit in Bußgottesdiensten und während der normalen Gottesdienste angeboten und angenommen, sowohl von den verschiedenen Gruppen der Pfarrei als auch von den einzelnen Gläubigen während der Messen.

Das Wort Gottes, das wir vorgetragen und kommentiert haben, war „gut vorbereitet und so dicht, dass es selbst die Toten hätte wieder auferstehen lassen und auch den Steinen noch Leben gegeben hätte…“, wie verschiedene Personen bezeugt haben. Dies hat mein Herz mit Genugtuung erfüllt.

Unsere Augen heften sich jedoch nicht nur an die Fakten, so wie der Blick von Maria Magdalena oder der erste Blick von Johannes, als er draußen vor dem Grab auf Petrus wartete (vgl. Joh 20, 1-10). Unsere Augen reichen über eine rein materielle Verifizierung hinaus, um die Dinge in ihrer Tiefe zu betrachten und zu ergründen, so wie Petrus, als er in die Grabeshöhle hineingegangen ist. Unsere Augen reichen weiter und lassen uns mit einem lichterfüllten Herzen denken, obwohl es „noch finster“ ist (Joh 20, 1). Unsere Augen reichen weiter und glauben an den auferstandenen Christus, der die Dunkelheit des Todes, des Krieges und der Macht besiegt hat und für die Seinen Sorge trägt, die für ihn „wertvoller als ein paar Spatzen“ sind.

Dennoch ist es nicht leicht, nicht in Verzweiflung zu verfallen. Wir in Aleppo gehen unseren Weg weiter, mit sicheren und vertrauensvollen Schritten. Wir denken mit Friede und Freude an die Zukunft, auch wenn in der ganzen Welt weiter die „Kriegstrommeln“ zu hören sind.

Manchmal erscheinen wir mit unseren Projekten und Aktivitäten, mit unserem Denken und Tun, wie Noah, der die Arche inmitten der Wüste erbaut und von seien Verwandten verlacht wird. Es scheint, als wäre es die Mühe nicht wert, den Brüdern und Schwestern, die in unserer Umgebung wohnen, die „Füße zu waschen“ durch die humanitären Hilfen und das Zeugnis in Wort und Tat… Doch wir geben nicht auf, denn Christus ist auferstanden.

Unter den Ereignissen der Karwoche und den Osterglückwünschen, zu denen die Menschen zu uns in den Konvent gekommen sind, hat mich am meisten der Blick vieler Väter und Mütter, Kranker, Junger und Alter beeindruckt, denen die Hilfe, die die Kirche auf allen Ebenen gewährt, zuteil geworden ist, vom Lebensmittelpaket bis hin zu Sanitätsartikeln. Ich habe in ihren Augen ein besonderes Licht gesehen, so als wollten sie mir sagen: „Euch ist es zu verdanken, dass unser Herz noch voll Freude ist und wir die Auferstehung feiern können. Dies ist der Liebe zu verdanken, die wir in Euch gesehen haben.“ Und weiter: „Christus ist auferstanden, er ist wahrhaft auferstanden. Wir können dies bestätigen aufgrund der Liebe, mit der die Kirche uns gegenüber handelt und unsere Herzen berührt.“

Hier in Aleppo noch am Leben zu sein, ist eine Bestätigung der Auferstehung. Trotz aller Schwierigkeiten dieses Osterfest in Frieden feiern zu können, dies ist ein berührbarer Beweis der Auferstehung. In Aleppo weiter etwas zu Essen und zu Trinken zu haben, dies ist ein Beweis der Auferstehung. Die Möglichkeit zu haben, mit den Hilfs- und Wiederaufbauprojekten fortzufahren, ist ein evidenter Beweis der Auferstehung. Dass wir Hunderten von Familien als Ostergeschenk einen Kanister Olivenöl schenken konnten, das ist eine Bestätigung, dass die Auferstehung Christi evident ist. Dass Ihr uns liebt, an uns denkt und helft, dies ist für uns schon die stärkste Bestätigung, dass Christus auferstanden ist!

Liebe Freunde, wir danken euch von Herzen für alles, was Ihr für uns tut…
Herzlichen Dank für Euer Gebet und auch für die konkreten Gesten der Solidarität…
Ich bitte euch: betet weiter für uns… Es ist wahr, dass Christus auferstanden ist, aber wir vervollständigen noch in unserem „irdischen Leben, was an den Bedrängnissen Christi noch fehlt.“

P. Ibrahim Alsabagh OFM
Pfarrer der Lateinischen Gemeinde von Aleppo

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