Brief von P. Ibrahim – Aleppo

 

LATEINISCHE PFARREI

FRANZISKUS VON ASSISI

Aleppo - Syrien

 

 

Ein Ölkanister für jede Familie

Ein Projekt für die Fastenzeit zur Unterstützung unserer Familien bei der Ernährung

 

Liebe Freunde,

wie ihr wisst, befindet sich Syrien in einer schwierigen Lage. Dies gilt insbesondere für die gemarterte Stadt Aleppo.

Wir sind nun schon im achten Jahr des Krieges, und er ist immer noch nicht zu Ende. Der Westteil unserer Stadt wird immer noch mit Raketen beschossen. Der Konflikt scheint noch länger anzuhalten und ohne Ausweg zu sein. Manche sagen schon ohne Umschweife, dass es für uns keine Zukunft geben wird. Die Lage hat sich erneut verschlechtert, und die Menschen werden insbesondere von der wirtschaftlichen Krise auf eine harte Probe gestellt. Für manche Familienväter ist diese noch schlimmer als all der Terror und das Leid, das sie bislang erlitten haben.

In den Wintermonaten kam noch der Mangel an Brennstoff hinzu: es fehlt an Heizöl, Gas und Kohle. Uns wurde versprochen und zugesichert, dass die Stromversorgung verstärkt werden würde, sowohl hinsichtlich der Versorgungsstunden als auch hinsichtlich der Qualität. Doch statt sich zu verbessern hat sich die Situation noch verschlechtert. Wir erleben nun eine immer strengere Rationierung des Stroms. Der Mangel an Strom behindert die Produktivität. Viele Inhaber von Geschäften und anderen wirtschaftlichen Aktivitäten haben uns berichtet, seit drei Monaten keine Einnahmen mehr zu haben…

In dieser Lage zahlt die Bevölkerung weiter einen hohen Preis, und das Spektrum des Hungers spart niemanden aus: der Hunger ist wie ein Albtraum, der die Lage dominiert und die Herzen verbittern und verzweifeln lässt.

Aus diesem Grund sind wir als lateinische Kirche auf allen Ebenen aktiv geworden. Insbesondere setzen wir unseren Einsatz bei der Lebensmittelhilfe fort und verstärken ihn immer weiter. Die monatliche Verteilung des Lebensmittelpakets ist für den Großteil der Familien, die in Armut leben, weiter von essentieller Bedeutung.

Während es in Italien, wie mir immer wieder gesagt wird, auch in einer noch so armen Familie nie an Brot und Wein fehlt, fehlt es hier im Orient in unseren Häusern normalerweise nicht an Brot und Öl. Insbesondere in der Mitte und im Norden des Landes gibt es zahlreiche Olivenbäume, die ein hervorragendes Öl in ausreichender Menge produzieren. Dieses Produkt ist nun aber aufgrund des sehr hohen Preises für viele Syrer schwer erschwinglich geworden. Der Preis eines Kanisters mit Öl entspricht mittlerweile dem Monatsgehalt eines Staatsbeamten, d.h. 50 Euro. Normalerweise verbraucht eine vierköpfige Familie in einem Jahr einen Kanister Öl. Angesichts der Lage haben wir uns gedacht, dass es derzeit kein schöneres Geschenk für eine Familie von Aleppo gibt als einen Kanister mit Öl.

Dieses Projekt hat zudem weitere positive Auswirkungen. Wenn ich mir die allgemeine Lage des Landes ansehe, wird deutlich, dass wir die Landwirtschaft wieder stärken und die Bauern zu ihrer Arbeit ermutigen müssen. Unser Projekt kann auch den kleinen Landwirten in den Dörfern des mittleren und nördlichen Syriens helfen, die so sehr unserer Hilfe bedürfen.

Die Nachdrücklichkeit, mit der Jesus als guter Meister uns auffordert, unserem Nächsten gegenüber mildtätig und barmherzig zu sein (vgl. Lk 6, 26-38), stellt sich mir immer wieder neu als Frage. Er bittet uns nicht um eine beliebige Mildtätigkeit, sondern um eine tatkräftige Nächstenliebe, die auch zu den konkreten Details vordringen kann, um sich im Alltag in all ihrer Schönheit zu manifestieren; eine direkte Nächstenliebe, die sich nicht nur an unsere Freunde, sondern auch an unsere Feinde richtet.

Liebe Freunde, in dieser schweren Krise haben wir als Kirche in Aleppo stets versucht, diese praktische und reelle Nächstenliebe zu leben. Dies ist weiterhin unser Ziel, auch jetzt in der Fastenzeit. In unserem Projekt „Ein Ölkanister für jede Familie“ kommt dies konkret und unmittelbar zum Ausdruck.

Ich danke euch für euer Verständnis und euer Mitleiden, das ihr ständig unter Beweis stellt, und ich danke euch für alles, was ihr in der Vergangenheit getan habt und für das, was ihr in der Zukunft tun werdet. Möge der Herr euch immer mehr in seiner Liebe wachsen lassen.

Ich wünsche euch eine gesegnete Fastenzeit!

Ibrahim Alsabagh ofm

Pfarrer der Lateinischen Gemeinde von Aleppo

Aleppo 2019

 

 

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