Treffen mit AVSI-Partner aus Erbil beim MEETING in Rimini/Italien

Giacomo Fiordi, Projektleiter der AVSI Foundation in Erbil/Irak, berichtete beim Meeting für die Freundschaft unter den Völkern in Rimini/Italien über Eindrücke aus den ersten vier Monate seiner Arbeit.

Giacomo Fiordi (28) ist studierter Pädagoge und hat bereits mehrere Jahre Erfahrung in Hilfsprojekten der AVSI Foundation gesammelt, beispielsweise auf Haiti und in Kenia. Wir begegneten ihm beim  Meeting, als er dort am 22. August 2015 über seinen aktuellen Einsatz sprach.

<<Seit den Angriffen des Islamischen Staat (IS) im Sommer 2014 sind 3 Millionen Iraker auf der Flucht. Etwa die Hälfte von ihnen ist in die halbautonome Region Kurdistan im Nordosten des Landes geströmt. AVSI Foundation hat sofort Nothilfe gemeinsam mit der irakischen Caritas begonnen und Lebensmittel, Decken und Matratzen finanziert. Daraus entstand der Wunsch, mit eigenen Projekten und Mitarbeitern vor Ort unmittelbar zu helfen.

Meet_15_Fiordi

Giacomo Fiordi im Gespräch

Am 3. März 2015 kam ich von einem zehnmonatigen Einsatz in Kenia zurück. Am Tag darauf kam die Anfrage von AVSI, ob ich bereit sei, in einer Woche in den Irak aufzubrechen. Zunächst habe ich verneint. Doch vier Tage später nahm ich an der Audienz von Papst Franziskus für die Bewegung Comunione e Liberazione teil. Der Papst sagte unter anderem: „Wir müssen den Christen im Mittleren Osten helfen.“ Dieser Satz schien mir direkt an mich gerichtet. Hier ging es um einen unmittelbaren Einsatz als Person. In den Tagen danach klärte ich mit AVSI die Einzelheiten und flog am 15. April nach Erbil. In diesen vier Monaten ist viel passiert. Die Zusammenarbeit mit Caritas Irak ist weitergegangen und erstreckt sich auf zwei Aufnahmelager mit 300.000 Personen. Ich habe irakische Dominikanerinnen kennengelernt, die zusammen mit 930 Familien aus dem vom IS eroberten Karakosch geflohen sind, und bin ein Freund von ihnen geworden. Darum habe ich sie gefragt: „Was braucht ihr?“. Sie wollten einen Kindergarten eröffnen, damit die Kinder aus den Familien gemeinsam spielen und lernen können. Für AVSI sind Erziehungsprojekte sehr wichtig, und so konnte das „Haus vom Kinde Jesu“ bereits am 30. Juli eröffnet werden. Täglich kommen 130 christliche und yesidische Kinder hierher, die von acht Erzieherinnen betreut werden, die selber Vertriebene aus Karakosch sind. Für September sind bereits 155 Kinder angemeldet.

Meet_15_Karte_AVSI

AVSI-Foundation: eine Auswahl der aktuellen Hilfsprojekte

Außerdem lernte ich Douglas Al-Bazi, chaldäischer Erzpriester und Pfarrer der Mar Elia Kirche, kennen, in dessen Pfarrei ich lebe. Allein in seinem Pfarrhof leben 80 weitere Familien. Es sind Menschen, die vor dem Angriff des IS ein normales und gutes Leben führten. Der Irak ist ein entwickeltes Land, viele Menschen hatten einen guten materiellen Lebensstandard. Doch der IS ließ sie nicht das geringste aus ihren Häusern mitnehmen. Völlig mittellos kamen die Vertriebenen urplötzlich in der Pfarrei von Fr. Douglas an. Der Erdboden war zunächst das Nachtlager. Später ließen sich Zelte organisieren. Heute leben die meisten in Wohncontainern. Ein guter Schritt, aber er signalisiert auch, dass niemand damit rechnet, kurzfristig wieder in die Heimat zurückgehen zu können. Für Pfarrer Al-Bazi ist das Wesentliche des Zusammenlebens, dass man sich begegnen und sich kennenlernen kann, um gemeinsam etwas Neues aufzubauen. Darum ist sein Pfarrhof für ihn ein Begegnungszentrum, kein Flüchtlingslager. Wir von AVSI prüfen nun Möglichkeiten der Hilfe.

Die für mich schönste Begegnung ereignete sich jedoch Mitte Juni. Da habe ich Myriam und ihre Familie kennen gelernt. Die ganze Familie ist von einem großen Glauben getragen. Besonders die Begegnung mit Walid, dem Vater, erneuert mich immer wieder. Ich bin in seinen Wohncontainer gegangen, habe mich ihm vorgestellt und ihm von meinem persönlichen Weg nach Erbil erzählt. Walid hat sofort geantwortet: „Lass´ uns Freunde sein.“ Dann habe ich ihm von der Erfahrung der Bewegung und vom Meeting in Rimini erzählt sowie ein kurzes Video gezeigt. Das Ehepaar war sehr bewegt. „Das ist genau das, was wir vorhin besprochen haben! Ich danke Gott, dass ich Dich getroffen haben. Es ist schon richtig, dass wir Wasser und andere Güter brauchen. Aber um als Menschen neu aufzubrechen, brauchen wir Begegnung und Beziehung mit anderen. Wir brauchen einen Ort, an dem wir uns treffen und Beziehungen leben können.“

Meet_15_Fiordi_Maria_korr

Maria Groos und Giacomo Fiordi am Stand der AVSI Foundation in Rimini/Italien

Da Walids Familie gerne Christen aus dem Westen kennen lernen wollte, haben wir einige Skype-Konferenzen mit italienischen Schülern und Jugendgruppen gemacht. Dabei ist ein interessanter Austausch entstanden. Walid informiert sich regelmäßig über die Lage in Westeuropa. Einmal bat ihn eine italienische Gruppe, er solle eine Frage an sie richten. Wald fragte: „ Wie lebt ihr euren Glauben in eurer Umgebung?“ Eine herausfordernde Frage! Aber genau dies ist das Schönste für mich: die Begegnungen mit Personen.

Nicht nur Walds Familie lebt so aus dem Glauben. Auch die anderen leben wie eine christliche Gemeinschaft zusammen und teilen das, was sie haben. Beispielsweise erhalten die Erzieherinnen im Kindergarten ein Honorar. Sie verwenden es nicht nur für ihre eigenen Familie, sondern auch für andere. Ohne diese Lebensweise hätte das Christentum im Irak nicht überleben können.

Als ich aufbrach, hatte ich Angst: Wie sieht es mit der Sicherheit aus? Wird das Alleinsein erträglich sein? Wie kann ich überhaupt helfen? Aber dann zeigte sich, dass die Stadt sicher ist und dass ich nicht alleine bin. Helfen kann ich, wenn ich einzelnen Personen begegne. Die Welt ändert sich durch die Beziehung von einer Person zur anderen. Der Unterschied besteht darin, wie ich diese Person anschaue. Walid hat mich gelehrt, während des ganzen Tages Personen zu begegnen und sie als Geschenk anzuschauen. Er hat mir geholfen, meinen Glauben neu zu entdecken. Ich muss mich Gott anvertrauen und beten. Dann entdecke ich, dass das Leben mir geschenkt wird. Und du entdeckst Geschenke, die Du nicht erwartet hättest.

Walid sagt sogar, dass er dem IS dankt, weil er ihm alles genommen hat, was er in Karakosch besessen hat. Dadurch hat er den Wert der Dinge neu entdeckt und auch ein neues Bewusstsein des Glaubens gewonnen. Das möchte ich auch für mich vertiefen.

Die Mühen dieser vier Monate in Erbil sind durch die Freundschaft mit Walid und seiner Familie reich entlohnt worden.>>

(Der Text ist eine nicht vom Referenten korrigierte oder autorisierte Mitschrift des Vortrages. Verfasserin: Maria Groos)

 

Derzeit ausschließlich in italienischer Sprache verfügbar ist ein Interview des Nachrichtenportals ZENIT mit Giacomo Fiordi, das ebenfalls beim Meeting gemacht wurde.

 

Share Button